
Arbeiten als Landwirt
Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht welche Bedeutung die Landwirtschaft für unsere tagtägliche Ernährung spielt? Und hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was es bedeutet in der Landwirtschaft zu arbeiten?
Ich persönlich muss sagen, dass ich mir noch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht habe bevor ich hierher auf den Hof gekommen bin. Doch schon nach den ersten Tagen hier, habe ich eine ganz neue Wertschätzung für alle Menschen in diesem Beruf bekommen. Und mein Respekt steigt mit jeder Woche, die ich hier verbringe mehr.
Arbeitsalltag Landwirt
Ein normaler Arbeitstag für einen Landwirt hier vor Ort beginnt morgens um 5.30h/6:00h. Die erste Stallschicht geht bis ca. 8:30h. Nach dem Frühstück geht es um 10h weiter bis 13h, Mittagsessen und -pause bis 16h und dann die Nachmittagsstallschicht bis etwa 19:30h. Das sind im besten Fall 9 Stunden. Gearbeitet werden muss jeden Tag, da die Tiere jeden Tag versorgt werden müssen. Jedes zweite Wochenende hat man Samstag und Sonntag frei. Dafür muss an dem Arbeitswochenende eben auch am Sonntag die Stallschicht erledigt werden. Zusammengerechnet ergibt sich eine 45 Stunden Woche mit freiem Wochenende und eine 62 Stunden Woche bei dem Arbeitswochenende.
Hört sich viel an?
Das war die Rechnung von einem sehr ruhigen Arbeitstag im Winter an dem alles klappt und nichts außergewöhnliches passiert. Diese Tage sind sehr selten! Ich habe davon noch nicht viele mitbekommen. Denn irgendwas ist immer. Eine Maschine ist kaputt, die Kuh kalbt, das Lämmchen wird von der Mutter verstoßen, die Rinder sind ausgebüchst, das Kälbchen will nicht trinken … Die Möglichenkeiten sind scheinbar endlos. Da wird aus einem 9 Stunden Tag ganz schnell ein 11 Stunden Tag. Dazu kommt im Sommer- genau genommen ab jetzt- auch noch die Erntesaison.
Donnerstag Abend: Es ist 21h. Ich und noch ein paar andere aus dem Bereich der Permakultur sitzen noch am Abendbrottisch und quatschen. Die ersten Leute aus der Landwirtschaft treffen ein, nämlich die beiden, die den Stalldienst gemacht haben. ‚Ist was passiert- oder warum seid ihr so spät dran?‘ Ein Kälbchen ist krank und möchte nichts trinken.

‚Und wo sind die anderen?‚ Die anderen drei sind noch auf dem Feld. Alles Gras, was gemäht wurde, muss noch gepresst und gewickelt werden und das Wickelgerät streikt immer wieder. Na gut denke ich mir, blöd, aber kann ja mal passieren.

Als um 22h immer noch keiner aufgetaucht ist, rufen wir sie an und fragen, ob wir den Abendbrottisch noch gedeckt lassen sollen oder ob wir ihnen was bringen sollen. Die Antwort ‚Wir haben keine Zeit zu essen‘. Wir schmieren trotzdem Brote und mit Fahrrad und Stirnlampe werden die Brotdosen zum Feld gebracht. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass die drei noch bis 1h im Gange waren und teilweise schon wieder morgens bei der Stallschicht. Krass!

Auch in den nächsten Tagen wird das Mittagessen und Abendessen aufs Feld gebracht oder in Schichten gegessen und trotzdem noch bis spät in die Nacht gearbeitet. Der Futterwert geht verloren, wenn das Gras nicht zügig verabeitet und zu Ballen gemacht wird.
Die Erntesaison hat begonnen. So geht das jetzt wohl bis in den Herbst weiter mit nur kurzen Unterbrechungen von ein oder zwei Wochen. Da vieles von den Wetterbedingungen abhängt, muss die Gelegenheit, sobald sie günstig ist, beim Schopf ergriffen werden.
Heute (Sonntag) Abend: 20h. Die Stallschicht kommt zum Abendessen. Eine junge Praktikantin kommt mit Tränen in den Augen in die Küche. Auf die Frage, was los ist, sagt sie ‚Eigentlich gar nichts, sorry das ich weine, ich bin nur ein bisschen drüber.‚ Damit meint sie, sie ist total erschöpft, absolut fertig. Und sie ist wirklich kein Mensch der grundlos rumjammert. Doch jeder hat irgendwo seine Grenze, wo es nicht mehr geht. Die war bei ihr heute Abend erreicht.
Ein Mitarbeiter, der auch schon auf einigen anderen landwirtschaftlichen Betrieben gearbeitet hat, meinte neulich nur ziemlich trocken: ‚Hier ist echt sehr friedlich und entspannt. Ich meine wir setzen uns noch an den Rand zum essen und essen nicht im fahren- oder eben gar nicht. Da hab ich schon ganz anderes erlebt.‘
Das sind die Dinge, die ich hier täglich mitbekomme. Es ist einfach viel zu viel Arbeit für zu wenig Leute. Problem: Mehr Leute einstellen kostet Geld, weniger Tiere bringt weniger Geld ein und generell gibt es auch nicht so viele Bewerber für so eine Stelle, denn: die Arbeit ist hart, die Arbeitstage lang und die Bezahlung fällt auch eher gering aus. Du siehst das Problem?

Es ist sogar so, dass es sich rein rechnerisch für den Betrieb nicht lohnt Auszubildene zu haben. Denn die arbeiten vertraglich nur 8 Stunden am Tag und haben auch ab und an mal frei, um die schulischen Sachen zu machen. Wenn der/die Auszubildene auf seine Rechte besteht, kann sich das der Betrieb schlicht nicht leisten, da zu wenig effektive Arbeitszeit.
Das ganze Thema hat mich die letzte Zeit sehr beschäftigt. Zu sehen, wie all die lieben Menschen hier tagtäglich an ihrem Limit sind und sich dabei trotzdem noch -meistens- irgendwie bei Laune halten, ist echt bemerkenswert. Und lässt mich gleichzeitig SEHR nachdenklich werden. Ich weiß um den Wert der Selbstfürsorge- also auf sich und seinen Körper zu achten. Dazu gehört, so wie ich es auch im Yoga gelernt habe, eine Balance aus Anspannung und Entspannung, Aktivität und Ruhephasen – Arbeit und Freizeit.
Was kann ich tun?
Das frage ich mich immer wieder, wenn ich sehe, wie sich alle hier in der Arbeit aufreiben. Klar, wir anderen hier unterstützen die Landwirtschaft so viel wie möglich, doch das ändert nichts an dem grundsätzlichen Problem. Und was ist eigentlich das grundsätzliche Problem? Dass Landwirte zu wenig unterstützt werden? Dass sie zu wenig Wertschätzung für das erhalten, was sie leisten- dafür, was sie für einen wichtigen Part für unsere Versorgung spielen? Wie können wir unsere Lebensmittelproduzenten entlasten? Wie kann es möglich sein als Landwirt zu arbeiten ohne sich mit Haut und Haaren der Arbeit verschreiben zu müssen Freizeit adè? Welche Stellschrauben müssen da gedreht werden?
Auf all diese Fragen kann ich leider keine Antworten geben. Ich komme nur immer wieder zu dem Schluss, dass hier etwas grundlegendes verändert werden müsste.
Doch was kann ich da tun?
Wertschätzung und Dankbarkeit für unsere Landwirte
Das ist etwas, was jeder tun kann und woran es ziemlich mangelt. Auch wenn ich von mir selber sagen würde dass ich bewusst einkaufe- möglichst biologisch und regional- und auch sonst nicht unbedingt mit Augen zu durch die Welt gehe, war mir selber nicht klar, was es bedeutet einen Bauernhof zu führen oder nur auf einem zu arbeiten. Ich glaube, dass es schon helfen würde, wenn da einfach etwas mehr Bewusstheit über die Situation in den landwirtschaftlichen Betrieben wäre.
Solawis- Solidarische Landwirtschaft
Bei diesem Konzept schließt sich ein landwirtschaftlicher Betrieb mit privaten Haushalten zusammen. Die privaten Haushalte tragen die Kosten des Betriebs (oft durch einen monatlichen Beitrag) und erhalten dafür den Ernteertrag. Der Betrieb ist abgesichert und unabhängig von Marktschwankungen oder wetterbedingten Ernteeinbußen. Die Kunden haben eine direkte Verbindung zu ihrer Nahrung und bekommen frische und lokale Lebensmittel. Einfach aber genial.
Unterstützung durch den Einkauf von regionalen Produkten mit fairen Preisen
Eine gute Möglichkeit dafür sind Hofläden, Grünmärkte, der kleine Bioladen um die Ecke oder auch Gemüsekisten-Abo.
Mithilfe bei Mitmachaktionen
Viele Höfe bieten so etwas an wie z.B. Mithilfe bei Kartoffel- oder Apfelernte
Spenden
Hier auf dem Hof können neue Investitionen meist nur getätigt werden durch Spenden von Freunden, Bekannten etc. So konnten z.B. einige Solarmodule für die Warmwasserversorgung angeschafft werden.
All dies sind Möglichkeiten, die ich hier sehe, um eine kleine Veränderung zu bewirken. Und auch wenn das vielleicht auf den ersten Blick nicht so wirksam erscheinen mag, wie z.B. eine politische Entscheidung zu diesem Thema, so glaube ich doch fest daran, dass WIR mit unserer Einstellung, unseren Entscheidungen und unseren Taten-und wenn sie noch so klein erscheinen mögen- Veränderung herbeiführen können.



